Haben wir Männer rechts liegen lassen?
Als Frau in der Schweiz habe ich heute viele Rechte und Chancen, vermutlich so viele wie noch nie. Feministische Streiks, die #MeToo Bewegung und viele andere Frauenbewegungen haben unsere patriarchale Gesellschaft verändert. Während dieser Wandel auf der einen Seite unheimlich wichtig ist, fühlen sich doch so manche Männer durch diesen Machtumschwung verunsichert – denn sie haben ihren Status verloren. Männer kämpfen auch mit Problemen, doch niemand ausser Antifeministen macht sich öffentlich stark für sie. Wird der Feminismus kritisiert, oder auf Schwierigkeiten der Männer aufmerksam gemacht, wird man von vielen direkt als Antifeminist angesehen. So werden viele Probleme nie adressiert und viele Männer werden von Frauenhassern wie Andrew Tate abgeholt. Dadurch spaltet sich unsere Gesellschaft, politisch wie auch sozial. Hat unsere Gesellschaft die Männer rechts liegen lassen, die dadurch von uns Frauen überholt wurden?

Wie viele Dinge in dieser Welt hat auch der Feminismus seine Schattenseiten. Durch radikale Sichtweisen kann sich der Spiess etwas gedreht anfühlen, wodurch sich manche Männer vernachlässigt und verunsichert fühlen. Den Spruch «Ich hasse Männer.» habe ich im extremeren feministischen Milieu doch schon einige Male aufgeschnappt. Oder «Du als alter, weisser, reicher Mann kannst mir nichts sagen.» Doch hier wird jemand aufgrund der Hautfarbe und des Geschlechts verurteilt. Das kann doch nicht die Lösung sein?
Ein Punkt, der in der Gleichberechtigungsdebatte häufig verloren geht, ist, dass Männer ebenso mit strukturellen und systematischen Problemen zu kämpfen haben. Das Ziel ist nicht, dass wir Frauen die Männer überholen. Männer haben auch Probleme, und diese werden selten adressiert. Diese Schwierigkeiten haben sich in den letzten Jahrzehnten sogar verstärkt. Das Bildungssystem beispielsweise stellt sich als vorteilhafter für Frauen heraus. Nur wurde das lange nicht bemerkt, da wenige Frauen die Chance auf eine gute Bildung hatten. «Viele Männer leben sozial isoliert, und sie pflegen generell weniger Freundschaften als Frauen». Mit ihrer psychischen Gesundheit haben viele Männer zu kämpfen. Solche Themen werden viel zu selten thematisiert. Vermutlich geht das auf die «starke», männliche Norm zurück, die in unserer Gesellschaft verankert ist. Emotionen zu zeigen, ist demzufolge nicht «männlich». Suizidfälle tragen sich bei Männern fast dreimal so häufig zu wie bei Frauen. Aber auch schon früher als Kinder war die Männlichkeit ein heikles Thema. Wenn ein Junge im Kindergarten pink trug, war das wahnsinnig komisch. Ein Mädchen, das Blau trug, war jedoch ziemlich cool.
In einigen Punkten haben wir Frauen die Männer vermutlich überholt. Die moderne Gesellschaft steht etwas auf der Kippe. Es ist schwierig zu messen, welches Geschlecht fortgeschrittener ist und es einfacher in unserer Gesellschaft hat. Doch wir müssen bedenken, dass beide Geschlechter mit Ungerechtigkeiten und Problemen zu kämpfen haben. Für uns Frauen geht es grundsätzlich in eine gute Richtung, diese Richtung dürfen wir nicht kurz vor dem Ziel verlieren. Wir dürfen jedoch nicht die männliche Seite vergessen oder vernachlässigen. Niemand will das Patriarchat umdrehen, dann wären wir doch nicht besser als die «alten, weissen Männer». Wir müssen gemeinsam auf alle Rücksicht nehmen und uns als Gesellschaft weiterentwickeln. Dazu müssen wir der immer zunehmende Polarisierung entgegentreten und gemeinsam die Welt verbessern.
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